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Verstehen und Achten
Veröffentlicht am Donnerstag 09 Juni @ 21:31:22
RezensionenRezension:
Eric Mührel: Verstehen und Achten. Philosophische Reflexionen zur professionellen Haltung in der Sozialen Arbeit.
Essen: Die Blaue Eule 2005, 216 Seiten, ISBN 3-89924-124-X

Eric Mührel, Professor für Sozialarbeitswissenschaft und Sozialpädagogik in Emden (FH Oldenburg/Ostfriesland/Wilhelmshaven), verfolgt in seinem neuen Buch ein anspruchsvolles Projekt: Er versucht die professionelle Haltung der Sozialen Arbeit philosophisch zu fundieren. Dabei lässt er sich insbesondere von den Ansätzen Hans-Georg Gadamers und Emmanuel Lévinas’ leiten. Gadamer und Lévinas liefern ihm die zentralen Begriffe, ja die Haltungen, die als Fundament der Profession bzw. des professionellen Dialogs ausgearbeitet werden: Verstehen (Gadamer) und Achten (Lévinas).

In fünf gründlich ausgearbeiteten Schritten begeht Mührel traditionelle und aktuelle sozialpädagogische und sozialarbeitswissenschaftliche sowie die bereits genannten philosophischen Landschaften, um immer deutlicher zu konturieren, was mit Verstehen und Achten im Kontext der Profession Soziale Arbeit gemeint sein soll. Nachdem er seine Ausgangsfragen und -punkte erläutert und begründet hat, erörtert er – erstens – die professionelle Haltung im theoretischen Kontext der Sozialpädagogik. Hier diskutiert er unterschiedliche theoretische Zugänge zum Thema, wobei er mit der Darstellung und Diskussion des „dialogischen Menschenbildes“ nach Martin Buber endet (S. 38ff.). Dieses Menschenbild ist insofern für die weiteren Argumentationen des Buches paradigmatisch, weil Verstehen und Achten auf Dialog gründen.

Zweitens werden die für das Projekt ebenfalls zentralen Konzepte „Haltung“ und „Profession“ diskutiert sowie hinsichtlich ihrer Bedeutungsgehalte untersucht und eingegrenzt. Haltung bestimmt Mührel als ethische Orientierung im Kontext der Frage nach einer angemessenen „Lebenskunst“ (S. 56f.) in der pluralistischen Gesellschaft. Den Begriff Profession definiert er überraschend anders, als dies in der Sozialen Arbeit üblicherweise geschieht, da er ihn befreit von seinen auf bezahlte und wissenschaftlich fundierte Berufsarbeit hinauslaufenden Konnotationen; so komme Profession auch dem ehrenamtlichen Tätigsein im Bereich der Sozialen Arbeit zu. Denn Profession meint – offenbar in philosophischer Diktion Lévinas’ – „ein Bekenntnis auf eine Be-rufung“ im Sinne einer „Antwort auf die Gabe und das Geschenk des Anderen“ (S. 67). Diese besondere Eingrenzung – oder besser: Ent-grenzung des Professionsbegriffs ist für das Buch äußerst zentral, weil damit die Diskurse um ehrenamtliches und bürgerschaftliches Engagement im Kontext einer neuen postsozialstaatlichen Vergesellschaftung in ein neues Licht gerückt werden könnten.

Drittens wird das Konzept des Verstehens diskutiert, und zwar als „Verstehen der Lebensweise des Klienten“. Dieses Zentralkonzept der Hermeneutik Gadamers bezieht Mührel auf das zentrale Medium der Sozialen Arbeit: auf das Gespräch, das sich in der Sozialen Arbeit um die Frage der Möglichkeit und Erreichbarkeit eines „guten und schönen Lebens“, also einer bestimmten Lebensweise dreht.

Viertens wird das Konzept der „Achtung der Andersheit des Klienten“ entfaltet. In einem ersten Zugang, der mit Lévinas eine Fundamentalethik der Verantwortung für den Anderen im Kontext der Sozialen Arbeit formuliert, und in einem zweiten Zugang, in dem mit Derridas Konzept der „Gastfreundschaft“ argumentiert wird, entwickelt Mührel die Kategorie der sozialarbeiterischen Achtung (neben dem Verstehen) als das zweite Kernelement der Professionalität.

Schließlich wird fünftens Achten und Verstehen in der professionellen Haltung zusammen geführt. Allerdings erscheint an diesem Punkt keine eindeutige einfach einzunehmende Haltung auf, sondern eine Ambivalenz. Denn die professionelle Haltung spanne sich zwischen den zunächst gegensätzlichen Polen Achten und Verstehen auf. Während das Achten die Andersheit des Anderen akzeptiert, sie nicht zum Eigenen zu machen versucht, sie nicht in selbstreferentielle Kategorien presst, wird während des Prozesses des Verstehens der Versuch unternommen, den Anderen auf Eigenes, auf bereits Bekanntes zurückzuführen. Denn nur vor dem Hintergrund des Eigenen, des Bekannten ist Verstehen überhaupt erst möglich. Aber gleichzeitig ist ein solches Verstehen kein Verstehen des Anderen, sondern das Erblicken des Eigenen im Anderes, was das Achten, die Andersheit des Anderen potentiell negiert. In diesem Sinne können Achten und Verstehen, wie Mührel (S. 183) schließlich ausführt, auf keinen gemeinsamen Nenner gebracht werden. Vielmehr bedeutet dies für „die professionelle Haltung [...], dass diese Ambivalenz ausgehalten werden muss“ (S. 188). Denn Achten und Verstehen sind sich gegenseitig korrigierende, ergänzende, aber widerstreitende Pole einer fundamentalen Ambivalenz Sozialer Arbeit: Klienten verstehen zu wollen in dem Wissen, dass das niemals gänzlich möglich ist, dass die Andersheit des Anderen immer auch im Dunklen und Verborgenen verbleibt.

Mührel entwickelt die beschriebene Ambivalenz als eine grundsätzliche sozialarbeiterische Erfahrung, ja als eine Realität, die Professionelle reflektieren können, wenn sie wach und aufmerksam den Bewegungen ihres Interagierens folgen. Insofern bietet das Buch die Beschreibung und Erklärung einer sozialarbeiterischen Dialogik, die auf philosophischen Füssen steht, sich der geisteswissenschaftlichen Tradition der deutschen Sozialpädagogik versichert und diese bereichert durch die Einbeziehung von Gadamer und Lévinas, die in der Sozialen Arbeit bisher wenig rezipiert wurden.

Allerdings ist die philosophische Stärke des Buches, mithin die ausgearbeiteten geisteswissenschaftlichen Stränge und ihre bindende Kraft hinsichtlich der Reflexion sozialarbeiterischer Professionalität zugleich die Schwäche des Werkes. Denn man kann sich fragen, ob solch ausgefeilten, intensiven und auf viele Seitenpfade führenden Diskurse nötig sind, um etwas zu begründen, was unterschiedliche methodische Richtungen der Sozialen Arbeit seit Jahren in weniger ausschweifender, aber dennoch zielsicherer Diktion begründen: dass das sozialarbeiterische Gespräch etwas voraussetzt, das mit Carl Rogers durch die drei Variablen Empathie, Kongruenz und Wertschätzung gekennzeichnet werden kann, aber dass dennoch nie das erreicht werden kann, was im Gespräch versucht wird: gänzliches Verstehen. Vielmehr ist die Differenz zwischen dem, was verstanden werden soll, und dem, was verstanden wird, nicht auslöschbar; sie ist sogar konstitutiv für das Aufrechterhalten des Gesprächs selbst, für das im Gesprächbleiben. Gespräche sind, in Anlehnung an Derrida formuliert, différance- bzw. Aufschubmaschinen, die das immer wieder in eine unerreichbare Zukunft verschieben, was sie versuchen: das Verstehen. Aber genau dies ist ihr Motor.

Wenn das Buch von Eric Mührel etwas aus philosophischer Sicht auf den Punkt bringt, dann ist es genau dieses Postulat: Versuche zu verstehen, aber sei dir bewusst, dass du den Anderen nie gänzlich verstehen kannst – und genau darin liegt deine Achtung vor der Andersheit des Anderen!

Wer wissen will, welche ethischen und auch gesellschaftspolitischen Dimensionen mit dieser Erkenntnis für sozialarbeiterische Akteure in einem sich im Umbau befindlichen Sozialstaat einhergehen, der findet bei Mührel zahlreiche Ideen und Konzepte, deren Beachtung gar dazu führen könnte – wie der Autor schließlich optimistisch formuliert –, dass nach dem 20. Jahrhundert ein weiteres sozialpädagogisches Jahrhundert folgen wird, „wenn auch unter veränderten Vorzeichen“ (S. 193), d.h. in einer anderen gesellschaftspolitischen Einbettung.

Zum Autor:
Prof. Dr. Heiko Kleve, Professor für soziologische und sozialpsychologische Grundlagen der Sozialen Arbeit am Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Potsdam. Forschungs- und Veröffentlichungsschwerpunkte: systemische und postmoderne Theorien und Methoden in der Sozialen Arbeit. Letzte Buchveröffentlichung: Sozialarbeitswissenschaft, Systemtheorie und Postmoderne. Freiburg/Br. 2003. Kontakt: kleve@fh-potsdam.de

Hier finden sie die Rezension im PDF-Format.
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