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Heiko Kleve: Postmoderne Sozialarbeit
Veröffentlicht am Mittwoch 08 Mai @ 15:04:04
RezensionenKleve, Heiko: Postmoderne Sozialarbeit:
Ein systemtheoretischer-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft.
Aachen 1999


Eine Buchrezension von Michael Nedler © 2001

Um es gleich vorwegzunehmen: eine Rezension des Buches von Heiko Kleve ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Es ist, wie der Autor selbst einräumt, geprägt durch Uneindeutigkeiten, Unordnungen und Inkohärenzen (vgl. S. 42). Aus diesem Grund wird das Buch nicht inhaltlich, sondern methodisch besprochen. Dafür soll versucht werden, den Hauptargumentationsstrang zu rekonstruieren, womit man der Arbeit aber auch kaum gerecht werden kann. Es finden sich selten klare Aussagen, bzw. solche, die nicht in einem anderen Abschnitt relativiert werden.

Im Zentrum der Arbeit stehen "Ambivalenzen". Diesen Begriff faßt Kleve sehr weit: darunter fallen Paradoxien (S. 14), "Unbestimmtheiten, widersprüchliche Auslegungs-, Ausdrucks- und Orientierungsmuster, zweiwertige Handlungsmotivationen oder konfligierende Doppelorientierungen" (S. 20) und er ist ein "Formbegriff", "wobei eine Form eine durch Unterscheidung und Bezeichnung konstituierte Zwei-Seiten-Differenz" (S. 21) ist.

Ambivalenzen seien das "Charakteristikum der ‚Postmoderene'" (S. 19). Die Moderne sei ein Projekt, das Kleve "als ein permanentes Ringen um Ordnung, Eindeutigkeit, Rationalisierung, Kontrolle, Klassifizierung" (S. 17) auffaßt. Er behauptet dann, "aus den täglichen Berichten der Medien wissen wir nur allzu gut, mit welchen Irrationalitäten, mit welchen technischen, biologischen, psychologischen und sozialen Risiken und Gefahren trotz, oder besser: aufgrund fortschreitender Rationalisierung wir zu rechnen haben" (S. 18, Hervorhebung M.N.), was wohl einen Bankrott rationalen Denkens und Handelns bezeugen soll. Dadurch würden wir "mit den Grenzen unserer Möglichkeiten des Steuerns und Beeinflussens konfrontiert" (S. 19), woraus er schließt (!), "'daß keine ‚Wirklichkeitsbeschreibung' tragfähig ist, die nicht zugleich die Plausibilität der Gegenthese verfolgt (Welsch)'" (ebd.). Die Folge sind Ambivalenzen, die auf unterschiedlichen "Wirklichkeitsvorstellungen" beruhen. Sie können nach Kleve nicht überwunden werden, da ein umfassender Bezugspunkt wie Wahrheit oder Objektivität der postmodernen Moderne verlorengegangen zu sein scheint.

Und hier zeigen sich auch die ersten schwerwiegenden Probleme: Auch wenn Kleve zuzustimmen ist, daß es keine Instanz gibt, die endgültig über die Wahrheit oder Falschheit eines "Wirklichkeitsentwurfes" entscheiden kann (vgl. S. 306), so ist die Begründung problematisch: sie setzt einen Wirklichkeitsentwurf voraus, nämlich den einer postmodernen Gesellschaft, aus dem gefolgert wird, daß über Wirklichkeitsentwürfe nicht entschieden werden kann. Das ist ein klarer Selbstwiderspruch. Das wird noch problematischer, wenn wir seinen Kontingenzbegriff mit heranziehen. Angesichts der hochkomplexen "Realität" sind Menschen gezwungen, Eindrücke zu selegieren. Aus der riesigen Menge von Umweltreizen kann nur eine bestimmte Menge ausgewählt werden, was bedeutet, daß die Wahrnehmung kontingent ist. "Es hätte auch anders und damit anderes ausgewählt werden können" (S. 94, kurs. i. O.). Damit schließt er im o.g. Beispiel von einer möglichen Beobachtung auf alle anderen. Das wäre ein unhaltbarer Induktionsschluß. Wie würde der Schluß aber aussehen, wenn Kleve nun eine in seinem Sinne "moderne" Gesellschaft oder eine fundamentalistische wahrgenommen hätte?

Nachdem der Autor nun die ‚Postmoderne' gekennzeichnet hat, zieht er eine Parallele zur Sozialen Arbeit. Angesichts der Tatsache, daß SozialarbeiterInnen seit dem Einsetzen der Verberuflichung Sozialer Arbeit mit widersprüchlichen Methoden, Wissenschaftskonzepten, als auch unterschiedlichen Ansprüchen Seitens der Klienten und der Gesellschaft konfrontiert sind, stellt Kleve die These auf: "Sozialarbeit als Profession ist seit jeher postmodern" (S. 31). Aus postmoderner Perspektive soll "die vielbeklagte wissenschaftliche und professionelle Orientierungslosigkeit nicht als Makel, sondern als professionelle Chance oder gar als Tugend" (S. 311, i. O. kurs.) betrachtet werden. Wie aber soll das aussehen, wenn keine Bezugspunkte gesetzt werden? Das soll der Konstruktivismus leisten, "der dabei hilft, passend zu handeln, also so zu handeln, daß erkannt werden kann, wie in der betreffenden Praxis, in dem betreffenden Kontext - entsprechend der jeweiligen Kriterien - erfolgreich gehandelt werden kann" (S. 107). Den offensichtlichen Zirkel gibt Kleve hier selbst zu.

Hier zeigt sich ein weiteres logisches Problem: Zirkelschlüsse. Was aber sagen Zirkelschlüsse aus? Eben nichts. Damit soll es auch genügen, das Buch nachvollziehen zu wollen. Um das zu können muß man wohl mit dem ausgestattet sein, was Heiko Kleve "Transversale Vernunft" nennt. "Transversale Vernunft ist ... jene Vernunftsform, die notwendig scheint, um mit den verschiedenen ‚situativen Verbindlichkeiten' (Welsch), mit den unterschiedlichen funktionssystemischen Anforderungen der Gesellschaft umgehen zu können, um in einer Situation, einer Kontextur bzw. in einem Kontext etwas als ‚richtig' oder ‚passend' zu markieren, was möglicherweise in den anderen relevanten Kontext(ur)en unbrauchbar wäre" (S. 306). Und diese "Vernunftform" scheint mehr als notwendig, da er sonst keine Kriterien nennt. Sie ist wohl der Brückenkopf, wenn mit "wissenschaftlichen" Konzepten gearbeitet werden soll, "die sich nicht scheuen, mit Widersprüchlichkeiten zu arbeiten, und die überdies Zirkularität, also Tautologien und Paradoxien, als unüberwindbares und damit notwendigerweise auszuhaltendes (immanentes) Konstruktionsprinzip von Wirklichkeit(en) begreifen" (S. 28). Aber was diese Vernunft sein soll, wie sie arbeiten soll, sagt uns Kleve nicht. So lange er das nicht angibt, kann diesem Konstrukt allenfalls der Status einer "ad hoc Hypothese" zukommen, auf der ein großer Teil seiner Arbeit lastet - mit ihr steht und fällt sie. Kleve wäre neben Habermas nicht der einzige, der über die Logik hinausgehen will, dabei aber in der bloßen Behauptung stecken bleibt.

"'Ein Kritiker gibt zu erkennen, daß er weiß, woran es fehlt'" (S. 54), so zitiert Kleve Niklas Luhmann. Kleve gibt nicht vor, dieses Wissen zu besitzen. Vielmehr wendet er sich gegen jeglichen Fundamentalismus, der anderen oktroyieren will, was als wahr anzuerkennen sei, was sicher zu begrüßen ist. Doch dabei schüttet er das Kind mit dem Bade aus. Auch wenn ihm ausdrücklich zugestimmt werden muß, daß es eine Garantie für sicheres Wissen nicht gibt, so kann Kritik nicht nur auf der Basis eines absoluten Wahrheitsanspruches geübt werden. Kritik kann auch der Hinweis auf Widersprüche sein, nämlich auf logische Widersprüche oder zwischen empirischer Erfahrung und einer Theorie. Wie kann man jetzt die Arbeit von Herrn Kleve kritisieren? Besseres Wissen fällt aus. Weist man ihn auf einen inneren Widerspruch hin - dann fällt der aus bekannten Gründen auch aus und man wird auf die "Transversale Vernunft" verwiesen. Moniert man Widersprüche zwischen Erfahrungen und seiner Theorie, dann wird man wohl auf Kontingenz (s.o.) verwiesen, bzw. darauf, "daß sich die erkennbare Existenz der ‚Dinge' nicht einer unabhängig von den beobachtenden Systemen existierenden ‚Dingwelt' verdankt" (S. 133). Damit würde der Einwand wahrscheinlich anerkannt werden, könnte der Theorie aber letztlich trotzdem nichts anhaben. Sie ist kritikimmun! Auch wenn sich der Verfasser gegen den Beliebigkeitsvorwurf wehrt (vgl. insbes. Kap. 4.2.1.), so hat er der Beliebigkeit schon allein aus logischen Gründen durch die Akzeptation von (kontradiktorischen) Widersprüchen (vgl. S. 304) Tür und Tor geöffnet. Es dürfte bekannt sein, daß das Verbot von Widersprüchen (Principium contradictionis) nicht nur ein logisches Axiom ist, sondern daß bei dessen Mißachtung in der Folge alles behauptet werden kann, ohne auch nur noch den Schreibtisch verlassen zu müssen. Folgerichtiges Schließen wird unmöglich. Und obwohl Kleve die Logik ablehnt, so mag er in seinem Buch doch nicht aufs Schließen (z.B. s.o.) verzichten.

Wodurch unterscheidet sich nun Heiko Kleves Arbeit von Esoterik oder NewAge oder Dichtung, wenn sie weder empirisch, noch logisch, noch an Wahrheit interessiert ist? Die Anwendung eines imposanten Jargons kann kaum die "Wissenschaftlichkeit" begründen, ebensowenig wie die Berufung auf Evidenz oder Plausibilität, womit Kleve nicht spart. Wie könnte man sich eine Ausbildung an einer Hochschule vorstellen, wenn "Transversalität" ein Leitgedanke der Sozialen Arbeit werden soll (vgl. S. 55)? Oder schließlich: wie kann man eine ernsthafte wissenschaftliche Arbeit von "elegantem Unsinn" unterscheiden, wenn alles behauptet werden kann? Offenbar sind zu dieser Unterscheidung nicht einmal mehr Fachleute in der Lage, wie Alan Sokal zeigte. Er verfaßte eine haarsträubende Parodie, die er u.a. mit echten Zitaten von Vertretern der "Postmoderne" spickte, und die anstandslos als ernsthafte Arbeit in einer amerikanischen Zeitschrift für Kulturwissenschaften veröffentlicht wurde [1] .

Es bleibt das Rätsel, warum eigentlich die Logik über Bord geworfen werden muß, um Ambivalenzen zu reflektieren, oder zu akzeptieren. Man kann doch logisch und empirisch einwandfrei feststellen, Person A behauptet, x ist der Fall und Person B behauptet zur selben Zeit, x ist nicht der Fall. Es mag in manchen Fällen zutreffen, daß sich Menschen verführt fühlen, gemäß der zweiwertigen Logik "verschiedenartige ... Beschreibungen (Meinungen, Einstellungen, Weltbilder) konsensorientiert zu glätten, einzuebnen, sie über den Kamm ihrer zwei Werte zu scheren" (S. 34). Das legt aber die Logik selbst sicher nicht nahe. Daß ein solches Verhalten kritikwürdig ist, ist unbestritten und man kann wohl behaupten, daß es Menschen gibt, die die Logik akzeptieren und so vorgehen, aber sicher nicht den Umkehrschluß, daß alle Menschen, die die Logik akzeptieren, auch so vorgehen oder sogar vorgehen müssen. Auch wenn Kleve den Umkehrschluß nicht formuliert, so legt er ihn in seinem Buch des öfteren nahe. So beruft er sich z.B. auf Fritz B. Simon, der gezeigt habe, "daß nicht die Logik, sondern das Aushalten von Un-Logik, das Aushalten der Paradoxien und Ambivalenzen des Menschlichen ‚gesund' ist" (S. 310). Dagegen helfe dann "speziell eine Beobachtungsmethode, die durch systemtheoretisches oder durch postmodernes Denken grundsätzlich nahegelegt wird: die Reflexion" (ebd., Kurs. i. O.). Wenn das bedeuten soll, daß Menschen, die die Logik präferieren, krank sind und nicht reflektieren können, so ist das blanker Unsinn. Es finden sich noch mehrere, ähnliche Stellen in der Arbeit Heiko Kleves, als auch sachlich falsche Aussagen zur Logik, aber keine argumentative Auseinandersetzung damit. Das erscheint um so mehr verwunderlich, da er sich mit Logik ausführlich auseinandergesetzt hat, wie uns das Literaturverzeichnis verrät. Dort findet man Immanuel Kant, Lutz Rößner und vor allem den Tractatus logico-philosophikus von Ludwig Wittgenstein. Er zitiert die genannten Autoren auch, aber leider nur einzelne, eher belanglose Sätze.

Im Grunde steht das Werk Kleves in der Tradition der bisherigen Werke zur Sozialen Arbeit, die sich auf ähnliches wie das Konstrukt "Transversale Vernunft" stützen, sei es nun der pädagogische Eros oder die Kunstlehre usw. Es zeigt sich allerdings in neuem Gewand und macht aus der wissenschaftlichen Schwäche eine Tugend. Damit ist jeder eingeladen, sobald er die Immunisierungsstrategie verstanden hat, sich bei denjenigen einzureihen, die durch eine bewußt verschleiernde Sprache und gedankliche Verwirrung einen Experten darstellen wollen, der immer recht behält, was auch immer man unter ‚recht behalten' versteht.

Bei aller Kritik soll hier unterstrichen werden, daß es sich hierbei weder um einen Angriff auf Herrn Dr. Kleve persönlich handelt, noch daß ihm hier ernsthafte wissenschaftliche Absichten abgesprochen werden sollen. Er ist dafür bekannt, daß er seiner Forderung nach methodischer Offenheit selbst nachkommt und keine kritische Diskussion scheut.

[1] Sokal, Alan, Bricmont, Jean: Eleganter Unsinn: Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. München 1999

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