Kleve, Heiko: Postmoderne Sozialarbeit:
Ein systemtheoretischer-konstruktivistischer Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft.
Aachen 1999
Eine Buchrezension von Michael Nedler © 2001
Um es gleich vorwegzunehmen: eine Rezension des Buches von Heiko Kleve
ist ein äußerst schwieriges Unterfangen. Es ist, wie der Autor
selbst einräumt, geprägt durch Uneindeutigkeiten, Unordnungen
und Inkohärenzen (vgl. S. 42). Aus diesem Grund wird das Buch nicht
inhaltlich, sondern methodisch besprochen. Dafür soll versucht werden,
den Hauptargumentationsstrang zu rekonstruieren, womit man der Arbeit
aber auch kaum gerecht werden kann. Es finden sich selten klare Aussagen,
bzw. solche, die nicht in einem anderen Abschnitt relativiert werden.
Im Zentrum der Arbeit stehen "Ambivalenzen". Diesen Begriff
faßt Kleve sehr weit: darunter fallen Paradoxien (S. 14), "Unbestimmtheiten,
widersprüchliche Auslegungs-, Ausdrucks- und Orientierungsmuster,
zweiwertige Handlungsmotivationen oder konfligierende Doppelorientierungen"
(S. 20) und er ist ein "Formbegriff", "wobei eine Form
eine durch Unterscheidung und Bezeichnung konstituierte Zwei-Seiten-Differenz"
(S. 21) ist.
Ambivalenzen seien das "Charakteristikum der ‚Postmoderene'"
(S. 19). Die Moderne sei ein Projekt, das Kleve "als
ein permanentes Ringen um Ordnung, Eindeutigkeit, Rationalisierung, Kontrolle,
Klassifizierung" (S. 17) auffaßt. Er behauptet
dann, "aus den täglichen Berichten der Medien wissen wir nur
allzu gut, mit welchen Irrationalitäten, mit welchen technischen,
biologischen, psychologischen und sozialen Risiken und Gefahren trotz,
oder besser: aufgrund fortschreitender Rationalisierung wir zu
rechnen haben" (S. 18, Hervorhebung M.N.), was wohl
einen Bankrott rationalen Denkens und Handelns bezeugen soll. Dadurch
würden wir "mit den Grenzen unserer Möglichkeiten des Steuerns
und Beeinflussens konfrontiert" (S. 19), woraus er schließt
(!), "'daß keine ‚Wirklichkeitsbeschreibung' tragfähig
ist, die nicht zugleich die Plausibilität der Gegenthese verfolgt
(Welsch)'" (ebd.). Die Folge sind Ambivalenzen, die auf unterschiedlichen
"Wirklichkeitsvorstellungen" beruhen. Sie können nach Kleve
nicht überwunden werden, da ein umfassender Bezugspunkt wie Wahrheit
oder Objektivität der postmodernen Moderne verlorengegangen zu sein
scheint.
Und hier zeigen sich auch die ersten schwerwiegenden Probleme: Auch wenn
Kleve zuzustimmen ist, daß es keine Instanz gibt, die endgültig
über die Wahrheit oder Falschheit eines "Wirklichkeitsentwurfes"
entscheiden kann (vgl. S. 306), so ist die Begründung
problematisch: sie setzt einen Wirklichkeitsentwurf voraus, nämlich
den einer postmodernen Gesellschaft, aus dem gefolgert wird, daß
über Wirklichkeitsentwürfe nicht entschieden werden kann. Das
ist ein klarer Selbstwiderspruch. Das wird noch problematischer, wenn
wir seinen Kontingenzbegriff mit heranziehen. Angesichts der hochkomplexen
"Realität" sind Menschen gezwungen, Eindrücke zu selegieren.
Aus der riesigen Menge von Umweltreizen kann nur eine bestimmte Menge
ausgewählt werden, was bedeutet, daß die Wahrnehmung kontingent
ist. "Es hätte auch anders und damit anderes ausgewählt
werden können" (S. 94, kurs. i. O.). Damit schließt
er im o.g. Beispiel von einer möglichen Beobachtung auf alle anderen.
Das wäre ein unhaltbarer Induktionsschluß. Wie würde der
Schluß aber aussehen, wenn Kleve nun eine in seinem Sinne "moderne"
Gesellschaft oder eine fundamentalistische wahrgenommen hätte?
Nachdem der Autor nun die ‚Postmoderne' gekennzeichnet hat, zieht
er eine Parallele zur Sozialen Arbeit. Angesichts der Tatsache, daß
SozialarbeiterInnen seit dem Einsetzen der Verberuflichung Sozialer Arbeit
mit widersprüchlichen Methoden, Wissenschaftskonzepten, als auch
unterschiedlichen Ansprüchen Seitens der Klienten und der Gesellschaft
konfrontiert sind, stellt Kleve die These auf: "Sozialarbeit als
Profession ist seit jeher postmodern" (S. 31). Aus postmoderner
Perspektive soll "die vielbeklagte wissenschaftliche und professionelle
Orientierungslosigkeit nicht als Makel, sondern als professionelle Chance
oder gar als Tugend" (S. 311, i. O. kurs.) betrachtet
werden. Wie aber soll das aussehen, wenn keine Bezugspunkte gesetzt werden?
Das soll der Konstruktivismus leisten, "der dabei hilft, passend
zu handeln, also so zu handeln, daß erkannt werden kann, wie in
der betreffenden Praxis, in dem betreffenden Kontext - entsprechend der
jeweiligen Kriterien - erfolgreich gehandelt werden kann" (S.
107). Den offensichtlichen Zirkel gibt Kleve hier selbst zu.
Hier zeigt sich ein weiteres logisches Problem: Zirkelschlüsse.
Was aber sagen Zirkelschlüsse aus? Eben nichts. Damit soll es auch
genügen, das Buch nachvollziehen zu wollen. Um das zu können
muß man wohl mit dem ausgestattet sein, was Heiko Kleve "Transversale
Vernunft" nennt. "Transversale Vernunft ist ... jene Vernunftsform,
die notwendig scheint, um mit den verschiedenen ‚situativen Verbindlichkeiten'
(Welsch), mit den unterschiedlichen funktionssystemischen Anforderungen
der Gesellschaft umgehen zu können, um in einer Situation, einer
Kontextur bzw. in einem Kontext etwas als ‚richtig' oder ‚passend'
zu markieren, was möglicherweise in den anderen relevanten Kontext(ur)en
unbrauchbar wäre" (S. 306). Und diese "Vernunftform"
scheint mehr als notwendig, da er sonst keine Kriterien nennt. Sie ist
wohl der Brückenkopf, wenn mit "wissenschaftlichen" Konzepten
gearbeitet werden soll, "die sich nicht scheuen, mit Widersprüchlichkeiten
zu arbeiten, und die überdies Zirkularität, also Tautologien
und Paradoxien, als unüberwindbares und damit notwendigerweise auszuhaltendes
(immanentes) Konstruktionsprinzip von Wirklichkeit(en) begreifen"
(S. 28). Aber was diese Vernunft sein soll, wie sie arbeiten soll, sagt
uns Kleve nicht. So lange er das nicht angibt, kann diesem Konstrukt allenfalls
der Status einer "ad hoc Hypothese" zukommen, auf der ein großer
Teil seiner Arbeit lastet - mit ihr steht und fällt sie. Kleve wäre
neben Habermas nicht der einzige, der über die Logik hinausgehen
will, dabei aber in der bloßen Behauptung stecken bleibt.
"'Ein Kritiker gibt zu erkennen, daß er weiß, woran
es fehlt'" (S. 54), so zitiert Kleve Niklas Luhmann. Kleve gibt nicht
vor, dieses Wissen zu besitzen. Vielmehr wendet er sich gegen jeglichen
Fundamentalismus, der anderen oktroyieren will, was als wahr anzuerkennen
sei, was sicher zu begrüßen ist. Doch dabei schüttet er
das Kind mit dem Bade aus. Auch wenn ihm ausdrücklich zugestimmt
werden muß, daß es eine Garantie für sicheres Wissen
nicht gibt, so kann Kritik nicht nur auf der Basis eines absoluten Wahrheitsanspruches
geübt werden. Kritik kann auch der Hinweis auf Widersprüche
sein, nämlich auf logische Widersprüche oder zwischen empirischer
Erfahrung und einer Theorie. Wie kann man jetzt die Arbeit von Herrn Kleve
kritisieren? Besseres Wissen fällt aus. Weist man ihn auf einen inneren
Widerspruch hin - dann fällt der aus bekannten Gründen auch
aus und man wird auf die "Transversale Vernunft" verwiesen.
Moniert man Widersprüche zwischen Erfahrungen und seiner Theorie,
dann wird man wohl auf Kontingenz (s.o.) verwiesen, bzw. darauf, "daß
sich die erkennbare Existenz der ‚Dinge' nicht einer unabhängig
von den beobachtenden Systemen existierenden ‚Dingwelt' verdankt"
(S. 133). Damit würde der Einwand wahrscheinlich anerkannt werden,
könnte der Theorie aber letztlich trotzdem nichts anhaben. Sie ist
kritikimmun! Auch wenn sich der Verfasser gegen den Beliebigkeitsvorwurf
wehrt (vgl. insbes. Kap. 4.2.1.), so hat er der Beliebigkeit schon allein
aus logischen Gründen durch die Akzeptation von (kontradiktorischen)
Widersprüchen (vgl. S. 304) Tür und Tor geöffnet. Es dürfte
bekannt sein, daß das Verbot von Widersprüchen (Principium
contradictionis) nicht nur ein logisches Axiom ist, sondern daß
bei dessen Mißachtung in der Folge alles behauptet werden kann,
ohne auch nur noch den Schreibtisch verlassen zu müssen. Folgerichtiges
Schließen wird unmöglich. Und obwohl Kleve die Logik ablehnt,
so mag er in seinem Buch doch nicht aufs Schließen (z.B. s.o.) verzichten.
Wodurch unterscheidet sich nun Heiko Kleves Arbeit von Esoterik oder
NewAge oder Dichtung, wenn sie weder empirisch, noch logisch, noch an
Wahrheit interessiert ist? Die Anwendung eines imposanten Jargons kann
kaum die "Wissenschaftlichkeit" begründen, ebensowenig
wie die Berufung auf Evidenz oder Plausibilität, womit Kleve nicht
spart. Wie könnte man sich eine Ausbildung an einer Hochschule vorstellen,
wenn "Transversalität" ein Leitgedanke der Sozialen Arbeit
werden soll (vgl. S. 55)? Oder schließlich: wie kann man eine ernsthafte
wissenschaftliche Arbeit von "elegantem Unsinn" unterscheiden,
wenn alles behauptet werden kann? Offenbar sind zu dieser Unterscheidung
nicht einmal mehr Fachleute in der Lage, wie Alan Sokal zeigte. Er verfaßte
eine haarsträubende Parodie, die er u.a. mit echten Zitaten von Vertretern
der "Postmoderne" spickte, und die anstandslos als ernsthafte
Arbeit in einer amerikanischen Zeitschrift für Kulturwissenschaften
veröffentlicht wurde [1] .
Es bleibt das Rätsel, warum eigentlich die Logik über Bord
geworfen werden muß, um Ambivalenzen zu reflektieren, oder zu akzeptieren.
Man kann doch logisch und empirisch einwandfrei feststellen, Person A
behauptet, x ist der Fall und Person B behauptet zur selben Zeit, x ist
nicht der Fall. Es mag in manchen Fällen zutreffen, daß sich
Menschen verführt fühlen, gemäß der zweiwertigen
Logik "verschiedenartige ... Beschreibungen (Meinungen, Einstellungen,
Weltbilder) konsensorientiert zu glätten, einzuebnen, sie über
den Kamm ihrer zwei Werte zu scheren" (S. 34). Das legt
aber die Logik selbst sicher nicht nahe. Daß ein solches Verhalten
kritikwürdig ist, ist unbestritten und man kann wohl behaupten, daß
es Menschen gibt, die die Logik akzeptieren und so vorgehen, aber sicher
nicht den Umkehrschluß, daß alle Menschen, die die Logik akzeptieren,
auch so vorgehen oder sogar vorgehen müssen. Auch wenn Kleve den
Umkehrschluß nicht formuliert, so legt er ihn in seinem Buch des
öfteren nahe. So beruft er sich z.B. auf Fritz B. Simon, der gezeigt
habe, "daß nicht die Logik, sondern das Aushalten von Un-Logik,
das Aushalten der Paradoxien und Ambivalenzen des Menschlichen ‚gesund'
ist" (S. 310). Dagegen helfe dann "speziell eine
Beobachtungsmethode, die durch systemtheoretisches oder durch postmodernes
Denken grundsätzlich nahegelegt wird: die Reflexion"
(ebd., Kurs. i. O.). Wenn das bedeuten soll, daß Menschen,
die die Logik präferieren, krank sind und nicht reflektieren können,
so ist das blanker Unsinn. Es finden sich noch mehrere, ähnliche
Stellen in der Arbeit Heiko Kleves, als auch sachlich falsche Aussagen
zur Logik, aber keine argumentative Auseinandersetzung damit. Das erscheint
um so mehr verwunderlich, da er sich mit Logik ausführlich auseinandergesetzt
hat, wie uns das Literaturverzeichnis verrät. Dort findet man Immanuel
Kant, Lutz Rößner und vor allem den Tractatus logico-philosophikus
von Ludwig Wittgenstein. Er zitiert die genannten Autoren auch, aber leider
nur einzelne, eher belanglose Sätze.
Im Grunde steht das Werk Kleves in der Tradition der bisherigen Werke
zur Sozialen Arbeit, die sich auf ähnliches wie das Konstrukt "Transversale
Vernunft" stützen, sei es nun der pädagogische Eros oder
die Kunstlehre usw. Es zeigt sich allerdings in neuem Gewand und macht
aus der wissenschaftlichen Schwäche eine Tugend. Damit ist jeder
eingeladen, sobald er die Immunisierungsstrategie verstanden hat, sich
bei denjenigen einzureihen, die durch eine bewußt verschleiernde
Sprache und gedankliche Verwirrung einen Experten darstellen wollen, der
immer recht behält, was auch immer man unter ‚recht behalten'
versteht.
Bei aller Kritik soll hier unterstrichen werden, daß es sich hierbei
weder um einen Angriff auf Herrn Dr. Kleve persönlich handelt, noch
daß ihm hier ernsthafte wissenschaftliche Absichten abgesprochen
werden sollen. Er ist dafür bekannt, daß er seiner Forderung
nach methodischer Offenheit selbst nachkommt und keine kritische Diskussion
scheut.
[1] Sokal, Alan, Bricmont, Jean: Eleganter Unsinn: Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften mißbrauchen. München 1999
zur Druckversion
zurück
|