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Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften
Veröffentlicht am Samstag 27 April @ 10:04:55
RezensionenKleve, Heiko: Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit, Lambertus-Verlag, Freiburg i.Br. 2000

Eine Rezension von Eric Mührel

Wittgenstein gibt in seinem Tractatus einen philosophischen Ratschlag, der wohl von allen derartigen Ratschlägen am wenigsten befolgt wurde: Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen. Wittgenstein selbst hat fortan geschwiegen, aber nicht für immer. Als Wiedergutmachung für diese Zeit des Schweigens und das somit Verschwiegene erfand er die Sprachspiele. [1] Kleves Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie erinnern an die bohrenden Fragwürdigkeiten jener (Um)Wege Wittgensteins. Dies im doppelten Sinne. Wenn Soziale Arbeit als eine Sozialarbeit ohne Eigenschaften erkannt und diagnostiziert wird, wäre es dann nicht besser zu schweigen, da wir nicht zu wissen vorgeben können wovon wir sprechen. Warum also dann ein ganzes Werk über die Eigenschaftslosigkeit der Sozialarbeit? Vielleicht aber erfüllt ein gebotenes Schweigen auf Dauer doch nicht einen letzten Sinn, und wird, vielleicht in einem letzten Akt der Verzweiflung, durch ein nicht auf einen letzten Sinn schielendes Sprachspiel von Fragmenten ersetzt, die ausdrücklich keinen Anspruch auf Verstehen durch den Leser erheben. Kleve verteidigt sein Sprachspiel derart, dass anders von der Sache Sozialer Arbeit nicht mehr zu sprechen sei. Hierdurch wird der Leser einladend genötigt, das Sprachspiel mitzuspielen, oder dieses gleich zu verwerfen mit dem Vorwurf: Hätte der Autor doch besser geschwiegen! Nun, jeder Leser wird dies für sich entscheiden müssen.

Der fragmentarische Aufriss des Sprachspiels macht eine zusammenfassend-erklärende Besprechung des Opus unmöglich. Daher will ich hier auch nur fragmentarisch kritisieren, ohne jedoch ein neues Sprachspiel zu eröffnen.

1. Zugänge zu einem schwierigen Gegenstand

Heiko Kleve beschreibt in diesem Band die Notwendigkeit, sich in der Sozialen Arbeit von einem modernen Professions- und Wissenschaftsverständnis zu verabschieden, da "die gesellschaftliche Entwicklung bereits postmoderne Beobachtungs- und Bewertungsmuster" erfordere (S. 17). Seine Aufgabe sieht er in der Skizzierung solcher postmoderner Muster für die Professions- und Wissenschaftstheorie der Sozialen Arbeit. Dabei soll das Verständnis von Profession und Wissenschaft nicht auf einem modernen Denken der Identität, sondern der identitätssprengenden Annahme von Differenz und Vielheit beruhen. In dieser Vision wird die Soziale Arbeit ohne Eigenschaften nach Kleve "gewissermaßen Vorreiterin für die Transformation der klassischen modernen Professionen von Modernität zu Postmodernität" (S. 18). Das Fundament der Reflexionen Kleves bilden Lyotards postmoderner Denkstil in einer noch zu befragenden Verbindung mit dem Konstruktivismus/der Systemtheorie.

In drei Hauptteilen, teilweise als eine einwebende Verknüpfung von zuvor publizierten Zeitschriftenartikeln und Kapiteln aus vorherigen Monographien, entfaltet Kleve seine oben genannte These: Gesellschaftstheoretische Ausgangspunkte, Soziale Arbeit als Profession und Soziale Arbeit als Wissenschaft. Diese strukturierte Einteilung der zu behandelnden Themen mit weiteren Unterkapiteln sowie Vorwort, Einführung und Nachwort verführt zu der Annahme, ein modernes Fachbuch mit logisch sich aufeinander aufbauenden Schritten des Verstehens in Händen zu halten. Dies widerspricht jedoch ausdrücklich dem Anliegen des Autors, dem Leser postmoderne Fragmente als Bruchstücke vorzulegen, die ihm "die These der postmodernen Identitäts(losigkeit) Sozialer Arbeit veranschaulichen sollen" (S. 20). Dies verknüpft Kleve unter Berufung auf Deleuses und Guattaris rhizomatisches Verständnis eines Buches mit dem Hinweis auf eine neue Art des Lesens, das kein Verstehen oder Interpretieren intendiert, sondern Experimentieren und freies Assoziieren. Nur widerspricht die Form des Fachbuchs diesem Anliegen. Warum hat Kleve nicht eine postmoderne Variante eines Buchs gewählt wie etwa Lyotards Der Widerstreit oder Derridas Tympanon?

2. Das Verhältnis von Postmoderne und Systemtheorie/Konstruktivismus

Kleve selbst weist auf die keineswegs unumstrittene These des Verständnisses der Systemtheorie, auch im Luhmannscher Ausrichtung, als eine postmoderne Theorie (S. 179). Er begründet dies wie folgt: "Das, was unter Postmoderne verstanden wird, eben die Reflexion von Unbestimmtheiten, Ambivalenzen und Polyvalenzen, die Reflexion der nicht-intentionalen Folgen des Handelns sowie die Unmöglichkeit der Realisierung der Ideale der Moderne und der Aufklärung, genau das erklärt die Systemtheorie" (Ebenda). Systemtheoretische Konzepte der Autopoiesis und Komplexität usw.. erklären nach Kleve dabei typisch postmoderne Konditionen im Sinne Lyotards, die Kleve an dieser Stelle leider nicht genau benennt. Kleves Hauptargument erblicke ich in der Zusammenschau von Beobachtung zweiter Ordnung und postmoderner Dekonstruktion in ihrer Sensibilisierung für Differenzen und Ausschlüsse, auch im Verkomplizieren "trivialisierter wissenschaftlicher Positionen" (S. 194). Er begründet dies wie folgt, wobei ein genauer Blick erforderlich erscheint:

"Mit der Beobachtung zweiter Ordnung, die wissenschaftliche oder praktische Beobachtungen (z.B. Handlungen) beobachtet, kann deutlich werden, wie wissenschaftliche Theorien ihren Gegenstandsbereich beschreiben und welche Beschreibungsmöglichkeiten sie aufgrund ihrer Ausgangsunterscheidungen, ihrer Prämissen, ihrer Wertsetzungen, ihrer nicht hinterfragten Ausgangsannahmen (z.B. Identitätspostulat) von vorneherein ausschließen (müssen). Die dekonstruktive Beobachtungstheorie geht davon aus, dass jede Beobachtung, jede Erkenntnis, jede wissenschaftliche Aussage nur gemacht werden kann, in dem etwas (Ausgangsunterscheidungen, Leitdifferenzen, Werte etc.) vorausgesetzt wird, was unbeobachtet und unbezeichnet bleiben muss, was von denjenigen, die beobachten, erkennen oder Aussagen treffen, selbst nicht hinterfragt werden kann. Diese nicht beobachtbaren Ausgangspunkte des Beobachtens oder Erkennens können als blinde Flecken bezeichnet werden" (S. 193).

Jedoch liegt der blinde Fleck bei der Beobachtung zweiter Ordnung im Auge des Beobachters und das, was übersehen wurde, kann benannt und somit integriert werden. Die Beobachtung zweiter Ordnung ist eine Selbst-Supervision der Psychokapsel des Beobachters, eine Art innerer Spiegel im Auge. Dies bekräftigt nur den erkenntnistheoretischen Solipsismus der Systemtheorie. Es geht immer nur um die immanentistische Position, die das (absolut) Andere ins Selbe gewaltsam integriert. Die Dekonstruktion ist dagegen ein Perspektivenwechsel als Spiel ins Unendliche. Hier kann das Andere gar nicht hinterfragt und integriert werden, sondern das Andere verwischt die Spur, auf der der Beobachter folgt, ohne es jemals einholen zu können. Der Schwindel, den die Dekonstruktionen erzeugen, ist kein Selbstzweck wie die Beobachtung zweiter Ordnung, sondern eine radikale Ethik des Anderen, die immerwährende Aufforderung, dem Anderen, und somit auch dem anderen Menschen, gerecht zu werden. Während die Systemtheorie auch in der Beobachtung zweiter Ordnung das Andere aus dem Selben ins Selbe konstruiert, ist die Dekonstruktion das Wahren des Anderen. Warum kommt Kleve nicht auf die Idee, die Paradigmen der Systemtheorie selber zu dekonstruieren? Die Begrifflichkeiten der Systemtheorie selbst, wie Autopoiesis, Selbstreferenz usw. werden gar nicht in Frage gestellt und einfach kritiklos übernommen. In diesem Zusammenhang im Kontext der Beschreibung der Sozialarbeit als Wissenschaft gibt Kleve selbst ein weiteres Beispiel für die Unvereinbarkeit von Systemtheorie und postmoderner Dekonstruktion. So führt er aus, dass Luhmanns Theorie der selbstreferentiellen Systeme erlaubt,

"heterogene, jeweils nicht auf einander zurückführbare Systeme, eben Organismen, Psychen, und Sozialsysteme (Interaktionen, Organisationen, Funktionssysteme der Gesellschaft) mit homogenen Begriffen zu beschreiben und (sie, die Theorie - Anm. E.M.) bietet der Sozialarbeit damit ein Instrumentarium an, das Verschiedenartiges transdisziplinär vergleichbar und verbindbar darzustellen sowie zu systematisieren" (S. 178, vgl. dazu auch S. 183).

Eine solche Systematisierung als Folge eines Vergleichs von eigentlich Unvergleichbaren als doch wiederum ein "Begreifen- und Verstehen-Wollen" widerspricht jeglicher Dekonstruktion.

Kleves Argumentation der Verbindung von Systemtheorie und postmoderner Denkweise kann ich daher nicht zuzustimmen. Da nützt auch der Hinweis wenig, dass Lyotard nach Jahren der Feindschaft ein freundschaftliches Verhältnis zu Luhmann aufbaute. Meiner Kenntnis nach ist auch die Beziehung zwischen Luhmann und Habermas trotz Streits in der Sache nie feindlich gewesen.

Es hätte zumindest diesem Werk nicht geschadet, die Zugänge zum Professions- und Wissenschaftsverständnis über Postmoderne klar von denen über die Systemtheorie abzugrenzen. Dies hätte einen nicht so holprigen Zugang zu den Thesen und deren Begründungen offeriert.

3. Anmerkungen zu Inhalt und Perspektive

Die im Nachwort (S. 195-198), das wie ein Spiegel der Einleitung wirkt, festgehaltenen Thesen Kleves eröffnen der Diskussion über Möglichkeiten eines Selbstverständnisses der Sozialen Arbeit bezüglich wissenschaftlicher Disziplin und Profession einen neuen, postmodernen (an dieser Stelle wird der systemtheoretische Zugang ausgeblendet) Horizont. Der Komplexität der Gesellschaften, Lebenswelten und auch Wissenschaften ist nicht durch ein auf monokausalem Denken basierendes Vorgehen in Praxis oder Theorie zu begegnen. Es geht um eine spielerische Form mit Selbstbeschreibungen und Perspektivwechseln. Identitätslosigkeit ist demnach kein Manko, sondern eine Chance, die eigene Vorgehensweise in Praxis, Lehre und Wissenschaft der Sozialen Arbeit "immer wieder neu und einzigartig kreieren und reflektieren zu können" (S. 198). Identitätslosigkeit hat m.E. jedoch nicht unmittelbar Eigenschaftslosigkeit zur Folge. Die vielfältigen Eigenschaften Sozialer Arbeit sind lediglich nicht mehr, falls sie es überhaupt je waren, in eine identitätsstiftende Systematik als Gehäuse und Zuhause zu integrieren.

Es bleibt festzuhalten, dass die Darstellungen Kleves insgesamt an der fehlenden Bestimmung des genius loci der Sozialen Arbeit leiden. Dieser liegt im Dialogischen von Sozialarbeiter und Klient noch vor allen wissenschaftstheoretischen und wissenschaftspolitischen Legitimationsdebatten. [2] Kleve tangiert diese Thematik lediglich unter der missverständlichen Gleichsetzung von Dialog und Kommunikation im Rückgriff auf Watzlawick und Luhmann (S. 172). Der Aspekt der Personalität von Sozialarbeiter und Klient in der Tiefe ihrer dialogischen Existenz bleibt jedoch unberücksichtigt, womit eine inhaltliche Diskussion zwischen Personalität und Funktion erst gar nicht aufkommen kann. Hier hätte ich mir gerade unter der Prämisse der Gedankengänge Lyotards (als ein Beispiel sei dessen Bezug als Exkurs in Der Widerstreit auf Emmanuel Lévinas genannt) eine facettenreichere Erörterung, die auch die Brüche dieses postmodernen Denkens mit den systemtheoretischen Paradigmen aufgreift, gewünscht.

Auch wenn Kleve nicht in allen seinen Thesen zur Profession und wissenschaftlicher Disziplin zuzustimmen ist, so hat er doch das sich selbst gesteckte Ziel erreicht, indem er Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie dem Leser zur Verfügung stellt. In seinen Annahmen und Darstellungen steht er, ohne jedoch direkt darauf Bezug zu nehmen, aktuellen Entwürfen einer Wissenschaftstheorie, wie sie beispielsweise bei dem Franzosen Bruno Latour in Das Parlament der Dinge zu finden sind, nahe.

Die Fragmente laden ein zum Weiterdenken, ohne den Anspruch auf Ambivalenzen und Aporien verzichten zu müssen. Dies gewährt dem Leser, so er sich auf dieses Sprachspiel einlässt, Freiraum für eigene Gedankengänge ohne dogmatische Barrieren und Denkverbote. Hierin liegt die Stärke dieser Fragmente, die als ein sicherlich aus verschiedenen Perspektiven zu diskutierender und zu kritisierender, aber zweifelsfrei gewichtiger Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft angesehen werden dürfen. Dieses Werk sollte daher auch ein wesentlicher Bestandteil der Lehre der Professions- und Wissenschaftstheorien der Sozialen Arbeit sein.

[1] Siehe hierzu die amüsante Beschreibung von Hans Blumenberg: Das Schweigen, um Philosoph zu bleiben, in: ders.: Die Verführbarkeit des Philosophen, Frankfurt a.M. 2000, S. 197-198.

[2] Vgl. hierzu Hundeck, Markus: Durchbrochene Kontingenz und verdankte Existenz als Perspektive Sozialer Arbeit. Ein Beitrag zur Profession Sozialer Arbeit aus christlicher Sicht, in: Mührel, Eric (Hrsg.): Ethik und Menschenbild der Sozialen Arbeit, erscheint im Herbst 2002; im Internet auf dem Portal sozialarbeitswissenschaften.de , hier S. 19. Hundeck entwirft dabei eine anthropologische Fundierung für die Debatte über Profession und wissenschaftliche Disziplin Soziale Arbeit auf der Basis eines Verständnisses menschlicher Existenz in ihrer Endlichkeit und der damit zusammengehörigen Zerbrechlichkeit der menschlichen Beziehungen.

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