Kleve, Heiko: Die Sozialarbeit ohne Eigenschaften. Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie Sozialer Arbeit, Lambertus-Verlag, Freiburg i.Br. 2000
Eine Rezension von Eric Mührel
Wittgenstein gibt in seinem Tractatus einen philosophischen Ratschlag,
der wohl von allen derartigen Ratschlägen am wenigsten befolgt wurde: Wovon
man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen. Wittgenstein selbst
hat fortan geschwiegen, aber nicht für immer. Als Wiedergutmachung für diese
Zeit des Schweigens und das somit Verschwiegene erfand er die Sprachspiele.
[1] Kleves Fragmente einer postmodernen
Professions- und Wissenschaftstheorie erinnern an die bohrenden Fragwürdigkeiten
jener (Um)Wege Wittgensteins. Dies im doppelten Sinne. Wenn Soziale Arbeit als
eine Sozialarbeit ohne Eigenschaften erkannt und diagnostiziert wird, wäre es
dann nicht besser zu schweigen, da wir nicht zu wissen vorgeben können wovon
wir sprechen. Warum also dann ein ganzes Werk über die Eigenschaftslosigkeit
der Sozialarbeit? Vielleicht aber erfüllt ein gebotenes Schweigen auf Dauer
doch nicht einen letzten Sinn, und wird, vielleicht in einem letzten Akt der
Verzweiflung, durch ein nicht auf einen letzten Sinn schielendes Sprachspiel
von Fragmenten ersetzt, die ausdrücklich keinen Anspruch auf Verstehen durch
den Leser erheben. Kleve verteidigt sein Sprachspiel derart, dass anders
von der Sache Sozialer Arbeit nicht mehr zu sprechen sei. Hierdurch wird der
Leser einladend genötigt, das Sprachspiel mitzuspielen, oder dieses gleich zu
verwerfen mit dem Vorwurf: Hätte der Autor doch besser geschwiegen! Nun, jeder
Leser wird dies für sich entscheiden müssen.
Der fragmentarische Aufriss des Sprachspiels macht eine zusammenfassend-erklärende
Besprechung des Opus unmöglich. Daher will ich hier auch nur fragmentarisch
kritisieren, ohne jedoch ein neues Sprachspiel zu eröffnen.
1. Zugänge zu einem schwierigen Gegenstand
Heiko Kleve beschreibt in diesem Band die Notwendigkeit, sich in der Sozialen
Arbeit von einem modernen Professions- und Wissenschaftsverständnis zu verabschieden,
da "die gesellschaftliche Entwicklung bereits postmoderne Beobachtungs- und
Bewertungsmuster" erfordere (S. 17). Seine Aufgabe sieht er in der Skizzierung
solcher postmoderner Muster für die Professions- und Wissenschaftstheorie der
Sozialen Arbeit. Dabei soll das Verständnis von Profession und Wissenschaft
nicht auf einem modernen Denken der Identität, sondern der identitätssprengenden
Annahme von Differenz und Vielheit beruhen. In dieser Vision wird die Soziale
Arbeit ohne Eigenschaften nach Kleve "gewissermaßen Vorreiterin für die Transformation
der klassischen modernen Professionen von Modernität zu Postmodernität" (S.
18). Das Fundament der Reflexionen Kleves bilden Lyotards postmoderner Denkstil
in einer noch zu befragenden Verbindung mit dem Konstruktivismus/der Systemtheorie.
In drei Hauptteilen, teilweise als eine einwebende Verknüpfung von zuvor publizierten
Zeitschriftenartikeln und Kapiteln aus vorherigen Monographien, entfaltet Kleve
seine oben genannte These: Gesellschaftstheoretische Ausgangspunkte, Soziale
Arbeit als Profession und Soziale Arbeit als Wissenschaft. Diese strukturierte
Einteilung der zu behandelnden Themen mit weiteren Unterkapiteln sowie Vorwort,
Einführung und Nachwort verführt zu der Annahme, ein modernes Fachbuch
mit logisch sich aufeinander aufbauenden Schritten des Verstehens in Händen
zu halten. Dies widerspricht jedoch ausdrücklich dem Anliegen des Autors, dem
Leser postmoderne Fragmente als Bruchstücke vorzulegen, die ihm "die
These der postmodernen Identitäts(losigkeit) Sozialer Arbeit veranschaulichen
sollen" (S. 20). Dies verknüpft Kleve unter Berufung auf Deleuses und Guattaris
rhizomatisches Verständnis eines Buches mit dem Hinweis auf eine neue
Art des Lesens, das kein Verstehen oder Interpretieren intendiert, sondern Experimentieren
und freies Assoziieren. Nur widerspricht die Form des Fachbuchs diesem Anliegen.
Warum hat Kleve nicht eine postmoderne Variante eines Buchs gewählt wie
etwa Lyotards Der Widerstreit oder Derridas Tympanon?
2. Das Verhältnis von Postmoderne und Systemtheorie/Konstruktivismus
Kleve selbst weist auf die keineswegs unumstrittene These des Verständnisses
der Systemtheorie, auch im Luhmannscher Ausrichtung, als eine postmoderne Theorie
(S. 179). Er begründet dies wie folgt: "Das, was unter Postmoderne verstanden
wird, eben die Reflexion von Unbestimmtheiten, Ambivalenzen und Polyvalenzen,
die Reflexion der nicht-intentionalen Folgen des Handelns sowie die Unmöglichkeit
der Realisierung der Ideale der Moderne und der Aufklärung, genau das erklärt
die Systemtheorie" (Ebenda). Systemtheoretische Konzepte der Autopoiesis und
Komplexität usw.. erklären nach Kleve dabei typisch postmoderne Konditionen
im Sinne Lyotards, die Kleve an dieser Stelle leider nicht genau benennt. Kleves
Hauptargument erblicke ich in der Zusammenschau von Beobachtung zweiter Ordnung
und postmoderner Dekonstruktion in ihrer Sensibilisierung für Differenzen und
Ausschlüsse, auch im Verkomplizieren "trivialisierter wissenschaftlicher Positionen"
(S. 194). Er begründet dies wie folgt, wobei ein genauer Blick erforderlich
erscheint:
"Mit der Beobachtung zweiter Ordnung, die wissenschaftliche oder praktische
Beobachtungen (z.B. Handlungen) beobachtet, kann deutlich werden, wie wissenschaftliche
Theorien ihren Gegenstandsbereich beschreiben und welche Beschreibungsmöglichkeiten
sie aufgrund ihrer Ausgangsunterscheidungen, ihrer Prämissen, ihrer Wertsetzungen,
ihrer nicht hinterfragten Ausgangsannahmen (z.B. Identitätspostulat) von vorneherein
ausschließen (müssen). Die dekonstruktive Beobachtungstheorie geht davon aus,
dass jede Beobachtung, jede Erkenntnis, jede wissenschaftliche Aussage nur
gemacht werden kann, in dem etwas (Ausgangsunterscheidungen, Leitdifferenzen,
Werte etc.) vorausgesetzt wird, was unbeobachtet und unbezeichnet bleiben
muss, was von denjenigen, die beobachten, erkennen oder Aussagen treffen,
selbst nicht hinterfragt werden kann. Diese nicht beobachtbaren Ausgangspunkte
des Beobachtens oder Erkennens können als blinde Flecken bezeichnet
werden" (S. 193).
Jedoch liegt der blinde Fleck bei der Beobachtung zweiter Ordnung im Auge
des Beobachters und das, was übersehen wurde, kann benannt und somit integriert
werden. Die Beobachtung zweiter Ordnung ist eine Selbst-Supervision der
Psychokapsel des Beobachters, eine Art innerer Spiegel im Auge. Dies
bekräftigt nur den erkenntnistheoretischen Solipsismus der Systemtheorie. Es
geht immer nur um die immanentistische Position, die das (absolut) Andere ins
Selbe gewaltsam integriert. Die Dekonstruktion ist dagegen ein Perspektivenwechsel
als Spiel ins Unendliche. Hier kann das Andere gar nicht hinterfragt und integriert
werden, sondern das Andere verwischt die Spur, auf der der Beobachter folgt,
ohne es jemals einholen zu können. Der Schwindel, den die Dekonstruktionen
erzeugen, ist kein Selbstzweck wie die Beobachtung zweiter Ordnung, sondern
eine radikale Ethik des Anderen, die immerwährende Aufforderung, dem Anderen,
und somit auch dem anderen Menschen, gerecht zu werden. Während die Systemtheorie
auch in der Beobachtung zweiter Ordnung das Andere aus dem Selben ins Selbe
konstruiert, ist die Dekonstruktion das Wahren des Anderen. Warum kommt Kleve
nicht auf die Idee, die Paradigmen der Systemtheorie selber zu dekonstruieren?
Die Begrifflichkeiten der Systemtheorie selbst, wie Autopoiesis, Selbstreferenz
usw. werden gar nicht in Frage gestellt und einfach kritiklos übernommen. In
diesem Zusammenhang im Kontext der Beschreibung der Sozialarbeit als Wissenschaft
gibt Kleve selbst ein weiteres Beispiel für die Unvereinbarkeit von Systemtheorie
und postmoderner Dekonstruktion. So führt er aus, dass Luhmanns Theorie der
selbstreferentiellen Systeme erlaubt,
"heterogene, jeweils nicht auf einander zurückführbare Systeme, eben
Organismen, Psychen, und Sozialsysteme (Interaktionen, Organisationen, Funktionssysteme
der Gesellschaft) mit homogenen Begriffen zu beschreiben und (sie,
die Theorie - Anm. E.M.) bietet der Sozialarbeit damit ein Instrumentarium
an, das Verschiedenartiges transdisziplinär vergleichbar und verbindbar darzustellen
sowie zu systematisieren" (S. 178, vgl. dazu auch S. 183).
Eine solche Systematisierung als Folge eines Vergleichs von eigentlich Unvergleichbaren
als doch wiederum ein "Begreifen- und Verstehen-Wollen" widerspricht jeglicher
Dekonstruktion.
Kleves Argumentation der Verbindung von Systemtheorie und postmoderner Denkweise
kann ich daher nicht zuzustimmen. Da nützt auch der Hinweis wenig, dass Lyotard
nach Jahren der Feindschaft ein freundschaftliches Verhältnis zu Luhmann
aufbaute. Meiner Kenntnis nach ist auch die Beziehung zwischen Luhmann und Habermas
trotz Streits in der Sache nie feindlich gewesen.
Es hätte zumindest diesem Werk nicht geschadet, die Zugänge zum Professions-
und Wissenschaftsverständnis über Postmoderne klar von denen über die Systemtheorie
abzugrenzen. Dies hätte einen nicht so holprigen Zugang zu den Thesen
und deren Begründungen offeriert.
3. Anmerkungen zu Inhalt und Perspektive
Die im Nachwort (S. 195-198), das wie ein Spiegel der Einleitung wirkt, festgehaltenen
Thesen Kleves eröffnen der Diskussion über Möglichkeiten eines Selbstverständnisses
der Sozialen Arbeit bezüglich wissenschaftlicher Disziplin und Profession einen
neuen, postmodernen (an dieser Stelle wird der systemtheoretische Zugang
ausgeblendet) Horizont. Der Komplexität der Gesellschaften, Lebenswelten und
auch Wissenschaften ist nicht durch ein auf monokausalem Denken basierendes
Vorgehen in Praxis oder Theorie zu begegnen. Es geht um eine spielerische
Form mit Selbstbeschreibungen und Perspektivwechseln. Identitätslosigkeit ist
demnach kein Manko, sondern eine Chance, die eigene Vorgehensweise in Praxis,
Lehre und Wissenschaft der Sozialen Arbeit "immer wieder neu und einzigartig
kreieren und reflektieren zu können" (S. 198). Identitätslosigkeit hat m.E.
jedoch nicht unmittelbar Eigenschaftslosigkeit zur Folge. Die vielfältigen Eigenschaften
Sozialer Arbeit sind lediglich nicht mehr, falls sie es überhaupt je waren,
in eine identitätsstiftende Systematik als Gehäuse und Zuhause zu integrieren.
Es bleibt festzuhalten, dass die Darstellungen Kleves insgesamt an der fehlenden
Bestimmung des genius loci der Sozialen Arbeit leiden. Dieser liegt im Dialogischen
von Sozialarbeiter und Klient noch vor allen wissenschaftstheoretischen und
wissenschaftspolitischen Legitimationsdebatten. [2]
Kleve tangiert diese Thematik lediglich unter der missverständlichen Gleichsetzung
von Dialog und Kommunikation im Rückgriff auf Watzlawick und Luhmann (S. 172).
Der Aspekt der Personalität von Sozialarbeiter und Klient in der Tiefe ihrer
dialogischen Existenz bleibt jedoch unberücksichtigt, womit eine inhaltliche
Diskussion zwischen Personalität und Funktion erst gar nicht aufkommen kann.
Hier hätte ich mir gerade unter der Prämisse der Gedankengänge Lyotards (als
ein Beispiel sei dessen Bezug als Exkurs in Der Widerstreit auf Emmanuel
Lévinas genannt) eine facettenreichere Erörterung, die auch die Brüche dieses
postmodernen Denkens mit den systemtheoretischen Paradigmen aufgreift, gewünscht.
Auch wenn Kleve nicht in allen seinen Thesen zur Profession und wissenschaftlicher
Disziplin zuzustimmen ist, so hat er doch das sich selbst gesteckte Ziel erreicht,
indem er Fragmente einer postmodernen Professions- und Wissenschaftstheorie
dem Leser zur Verfügung stellt. In seinen Annahmen und Darstellungen steht er,
ohne jedoch direkt darauf Bezug zu nehmen, aktuellen Entwürfen einer Wissenschaftstheorie,
wie sie beispielsweise bei dem Franzosen Bruno Latour in Das Parlament der
Dinge zu finden sind, nahe.
Die Fragmente laden ein zum Weiterdenken, ohne den Anspruch auf Ambivalenzen
und Aporien verzichten zu müssen. Dies gewährt dem Leser, so er sich auf dieses
Sprachspiel einlässt, Freiraum für eigene Gedankengänge ohne dogmatische Barrieren
und Denkverbote. Hierin liegt die Stärke dieser Fragmente, die als ein sicherlich
aus verschiedenen Perspektiven zu diskutierender und zu kritisierender, aber
zweifelsfrei gewichtiger Beitrag zur Sozialarbeitswissenschaft angesehen werden
dürfen. Dieses Werk sollte daher auch ein wesentlicher Bestandteil der Lehre
der Professions- und Wissenschaftstheorien der Sozialen Arbeit sein.
[1] Siehe hierzu die amüsante
Beschreibung von Hans Blumenberg: Das Schweigen, um Philosoph zu bleiben, in:
ders.: Die Verführbarkeit des Philosophen, Frankfurt a.M. 2000, S. 197-198.
[2] Vgl. hierzu Hundeck, Markus:
Durchbrochene Kontingenz und verdankte Existenz als Perspektive Sozialer Arbeit.
Ein Beitrag zur Profession Sozialer Arbeit aus christlicher Sicht, in: Mührel,
Eric (Hrsg.): Ethik und Menschenbild der Sozialen Arbeit, erscheint im Herbst
2002; im Internet auf dem Portal sozialarbeitswissenschaften.de , hier S. 19.
Hundeck entwirft dabei eine anthropologische Fundierung für die Debatte über
Profession und wissenschaftliche Disziplin Soziale Arbeit auf der Basis eines
Verständnisses menschlicher Existenz in ihrer Endlichkeit und der damit zusammengehörigen
Zerbrechlichkeit der menschlichen Beziehungen.
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